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SIEM – Security Information and Event Management

SIEM (Security Information and Event Management) ist eine Plattform, die zwei Disziplinen vereint: das Security Information Management (SIM) – also die Erfassung und Speicherung von Log-Daten – und das Security Event Management (SEM) – die Echtzeit-Analyse und Korrelation von Sicherheitsereignissen. Zusammen bietet ein SIEM eine zentralisierte Sicht auf die gesamte IT-Infrastruktur einer Organisation und ermöglicht die Erkennung von Angriffen, Compliance-Reporting und die forensische Untersuchung von Sicherheitsvorfällen.

Warum SIEM?

Ein SOC-Analyst (Security Operations Centre) ohne SIEM ist wie ein Arzt ohne Diagnosegeräte. Log-Daten fließen aus hunderten oder tausenden Quellen – Firewalls, Endpunkte, Server, Cloud-Plattformen, Applikationen. Ohne ein System, das diese Daten aggregiert und korreliert, ist das Erkennen eines Angriffs nahezu unmöglich.

Laut dem IBM Cost of a Data Breach Report hält sich ein Angreifer im Schnitt 207 Tage unentdeckt in einem Netzwerk auf, bevor er entdeckt wird. Ein gut konfiguriertes und gewartetes SIEM reduziert diese Zeitspanne erheblich.

Kernfunktionen eines SIEM

Funktion Beschreibung
Log-Aggregation Sammlung von Logs aller Quellen in einem zentralen Repository
Normalisierung Parsen unterschiedlicher Log-Formate in ein einheitliches Schema zur Korrelation
Korrelation Verknüpfung zusammenhängender Ereignisse aus verschiedenen Quellen zur Erkennung von Angriffsketten
Alerting Generierung von Warnmeldungen, wenn Ereignismuster auf einen Angriff hindeuten
Dashboards Echtzeit-Visualisierung der Sicherheitslage und laufender Vorfälle
Threat Intelligence Anreicherung von Ereignissen mit IOC-Daten aus externen Bedrohungsfeeds
UEBA User and Entity Behaviour Analytics – Erkennung anomaler Aktivitäten durch maschinelles Lernen
Compliance Reporting Vorgefertigte Berichte für PCI DSS, HIPAA, ISO 27001, DSGVO
Incident Response Fallverwaltung, Zeitachsen-Rekonstruktion, Beweissicherung
Threat Hunting Proaktive Suche nach unentdeckten Bedrohungen in historischen Log-Daten

SOC-Struktur und SIEM-Interaktion

Ein SIEM ist das zentrale Werkzeug in einem Security Operations Centre (SOC). Die Analysten sind dabei in Tiers (Ebenen) organisiert:

SOC-Tier Rolle SIEM-Interaktion
Tier 1 – Analyst Dashboard-Überwachung, Alert-Triage Alerts prüfen, False Positives verwerfen, eskalieren
Tier 2 – Senior Analyst Untersuchung eskalierter Vorfälle Tiefe Abfragen, Zeitachsen-Analyse
Tier 3 – Threat Hunter Proaktive Bedrohungserkennung Hypothesengetriebene Suche, neue Regelentwicklung
Tier 4 – SIEM Engineer Plattform-Management Regel-Tuning, Parser-Entwicklung, Integration
SOC Manager Programm-Steuerung Metriken, Reporting, SLA-Management

SIEM-Produkte im Überblick

Es gibt kein universell „bestes" SIEM. Die Wahl hängt von Budget, Teamgröße, bestehender Infrastruktur und den primären Einsatzzielen ab (Compliance vs. Erkennung, Cloud vs. On-Premises).

Produkt Typ Besonderheit
Splunk Enterprise / ES Kommerziell Marktführer, sehr mächtige SPL-Abfragesprache, teuer (GB-basierte Lizenzierung)
Microsoft Sentinel Cloud-nativ (Azure) Tief integriert in Microsoft 365 / Azure, KQL-Abfragesprache, SOAR-Funktionen
IBM QRadar Kommerziell Stark in Netzwerkfluss-Analyse, automatische Offense-Generierung, weit verbreitet in Behörden und Finanzsektor
Elastic SIEM (ELK) Open Source / Kommerziell Sehr flexibel, gute Visualisierung via Kibana, freie Tier verfügbar
Wazuh Open Source XDR/SIEM Kostenlos, agentenbasiert, hervorragend für Linux-Umgebungen, integriert mit ELK
Graylog Open Source / Kommerziell Leichter als ELK, schnelle Suche, einfachere Bereitstellung
Security Onion Open Source NSM Komplettpaket: Zeek + Suricata + Wazuh + ELK in einer Distribution
Exabeam Kommerziell UEBA Spezialisiert auf verhaltensbasierte Erkennung
LogRhythm Kommerziell Integrierte SIEM + SOAR-Plattform

Log-Management-Grundlagen

Bevor ein SIEM Bedrohungen erkennen kann, braucht es Logs – und zwar in der richtigen Qualität, aus den richtigen Quellen und für die richtige Aufbewahrungsdauer. Log-Management ist das Fundament, auf dem jedes SIEM aufbaut.

Kritische Log-Quellen

Log-Quelle Was sie liefert Priorität
Windows Security Event Log Anmeldungen, Rechtnutzung, Kontoänderungen, Prozesserstellung Kritisch
Firewall / NGF-Logs Erlaubte/verworfene Verbindungen, geografische Anomalien, Port-Scans Kritisch
DNS-Logs Domain-Lookups – C2-Erkennung, DNS-Exfiltration Kritisch
Active Directory / LDAP Authentifizierung, Gruppenänderungen, GPO-Modifikationen Kritisch
Endpoint (EDR) Logs Prozessausführung, Dateiänderungen, Netzwerkverbindungen pro Host Kritisch
Web Proxy / URL-Filterung Benutzer-Webaktivität, Malware-Downloads, C2-Callbacks Hoch
E-Mail-Gateway-Logs Phishing-Mails, bösartige Anhänge, BEC-Erkennung Hoch
VPN / Remote-Access-Logs Wer hat sich von wo verbunden, Credential-Stuffing-Versuche Hoch
Cloud-Plattform-Logs AWS CloudTrail, Azure Activity Log, GCP Audit Logs Hoch
Applikations-Logs Login-Fehler, API-Missbrauch, Injection-Versuche Mittel
Datenbank-Audit-Logs SQL-Abfragen, Schema-Änderungen, Rechteeskalation Mittel
Netzwerkfluss (NetFlow/IPFIX) Verkehrsmuster, Lateral Movement, Datenexfiltration Mittel

Log-Formate

Format Beschreibung
Syslog (RFC 5424) Universelles Unix/Linux-Log-Format – Facility, Severity, Message
Windows Event Log (EVTX) Strukturiertes Windows-Ereignisformat mit Event-IDs
JSON Strukturiertes Key-Value-Format – bevorzugt von modernen Applikationen und Cloud-Diensten
CEF (Common Event Format) ArcSight-Standard – weit verbreitet bei Security-Appliances
LEEF (Log Event Extended Format) IBM QRadar Standard für Netzwerkgeräte
W3C / Combined Log Format Webserver-Zugriffslogs (Apache, Nginx, IIS)
CSV / Flat File Datenbank-Exporte, Applikations-Logs – erfordert Parsing

Log-Normalisierung

Unterschiedliche Geräte liefern Logs in unterschiedlichen Formaten. Die Normalisierung überführt diese in ein einheitliches Schema, das die Korrelation ermöglicht. Beispiel: Ein Cisco-ASA-Firewall-Log wird durch Logstash in ein strukturiertes JSON-Format transformiert:

# Roh-Syslog von der Firewall:
# Jan 15 14:23:01 fw01 %ASA-6-302013: Built outbound TCP connection
# 12345 for outside:8.8.8.8/443 to inside:10.1.1.50/54321

# Nach der Normalisierung:
{
  'timestamp'  : '2024-01-15T14:23:01Z',
  'source_ip'  : '10.1.1.50',
  'source_port': 54321,
  'dest_ip'    : '8.8.8.8',
  'dest_port'  : 443,
  'protocol'   : 'TCP',
  'action'     : 'allow',
  'device'     : 'fw01',
  'event_type' : 'network_connection'
}

Log-Aufbewahrungsfristen

Regulierung / Standard Mindestaufbewahrung
PCI DSS 12 Monate (3 Monate sofort verfügbar)
HIPAA 6 Jahre
ISO 27001 Organisationsdefiniert – typisch mindestens 12 Monate
DSGVO Nur so lange wie notwendig – Balance mit Sicherheitsanforderungen
NIST CSF Organisationsdefiniert – 12–24 Monate empfohlen
SOX 7 Jahre für Finanzdaten – mindestens 1 Jahr für IT-Logs
Best Practice (allgemein) 90 Tage Hot Storage, 12 Monate Warm, 3+ Jahre Cold/Archiv

Detection Engineering

Detection Engineering ist die Disziplin des Entwurfs, Aufbaus, Testens und Wartens von Erkennungslogik in einem SIEM. Ein Detection Engineer übersetzt Bedrohungsintelligenz und Angriffswissen in SIEM-Regeln, die bösartiges Verhalten zuverlässig erkennen und dabei False Positives minimieren.

Der Detection Development Lifecycle

Phase Beschreibung
Phase 1 – Threat Intel Bedrohung identifizieren: CVE, APT-TTP, Incident-Findings, Threat-Intel-Report
Phase 2 – Hypothese Hypothese formulieren: „Wenn ein Angreifer Mimikatz einsetzt, greift ein Nicht-System-Prozess auf lsass zu"
Phase 3 – Datenanforderungen Benötigte Log-Quellen identifizieren: Windows 4688, Sysmon EventID 10 (Prozesszugriff)
Phase 4 – Query-Entwicklung Erkennungsabfrage im SIEM gegen bekannt-gut und bekannt-schlecht Daten schreiben und testen
Phase 5 – Sigma-Regel Erkennung in eine Sigma-Regel überführen für Portabilität auf andere SIEM-Plattformen
Phase 6 – Deployment & Tuning Im SIEM deployen, False-Positive-Rate überwachen, Schwellenwerte und Ausnahmen anpassen
Phase 7 – Test Mit atomaren Red-Team-Tests oder Purple-Team-Übungen validieren, dass die Erkennung korrekt auslöst

Sigma – Plattformunabhängiges Erkennungsformat

Sigma ist ein offenes, herstellerneutrales Format für SIEM-Erkennungsregeln. Eine Sigma-Regel kann mit dem Tool sigma-cli in die Abfragesprache jeder SIEM-Plattform konvertiert werden.

# Sigma-Regel – Mimikatz LSASS Credential Dumping
title: Mimikatz LSASS Credential Dumping
id: 32d0d3da-b000-4c4d-9cde-5b27b1cb80d8
status: stable
description: Erkennt Nicht-System-Prozesse, die auf den lsass.exe-Speicher zugreifen
references:
  - https://attack.mitre.org/techniques/T1003/001/
tags:
  - attack.credential_access
  - attack.t1003.001
logsource:
  category: process_access
  product: windows
detection:
  selection:
    TargetImage|endswith: '\lsass.exe'
    GrantedAccess|contains:
      - '0x1010'
      - '0x1410'
  filter_legit:
    SourceImage|startswith:
      - 'C:\Windows\System32\'
      - 'C:\Windows\SysWOW64\'
  condition: selection and not filter_legit
falsepositives:
  - Legitime Sicherheitssoftware, die auf LSASS zugreift
level: high

Konvertierung in verschiedene SIEM-Formate:

# sigma-cli installieren
pip3 install sigma-cli

# Konvertierung in Elastic KQL
sigma convert -t elasticsearch-dsl mimikatz_lsass.yml

# Konvertierung in Microsoft Sentinel KQL
sigma convert -t microsoft365defender mimikatz_lsass.yml

# Ganzes Regelverzeichnis konvertieren
sigma convert -t splunk rules/windows/ -o splunk_rules.conf

Threat Hunting mit SIEM

Threat Hunting ist ein proaktiver Ansatz – statt auf einen Alert zu warten, sucht der Threat Hunter aktiv nach Kompromittierungszeichen, die bestehende Regeln möglicherweise übersehen haben. Das SIEM ist dabei die primäre Waffe des Hunters und gibt Zugriff auf Monate historischer Log-Daten.

Der Threat Hunting Loop

Schritt Beschreibung
1 – Hypothese Hypothese aus Threat Intel formulieren: „APT29 nutzt WMI für Lateral Movement"
2 – Daten Benötigte Log-Quellen identifizieren: Sysmon Event 19/20/21 für WMI, Windows Security 4688 für Prozesse
3 – Hunt SIEM-Abfragen ausführen, um historische Daten nach Belegen für oder gegen die Hypothese zu durchsuchen
4 – Analysieren Findings untersuchen: Handelt es sich um gutartiges oder bösartiges Verhalten? Zeitachse erstellen, Umfang bestimmen
5 – Reagieren Bei bestätigter Kompromittierung: Eskalation zum Incident Response. Bei gutartigem Befund: Findings dokumentieren
6 – Erkennung Erfolgreichen Hunt in eine permanente Erkennungsregel überführen, sodass zukünftige Aktivität automatisch alarmiert

MITRE ATT&CK-Mapping

Threat Hunting und Detection Engineering orientieren sich am MITRE ATT&CK-Framework, das Angriffstaktiken und -techniken systematisch katalogisiert. Jede Erkennung sollte einer oder mehreren ATT&CK-Techniken zugeordnet sein.

Incident Response mit SIEM

Wenn ein SIEM-Alert einen Sicherheitsvorfall bestätigt, wechselt die Plattform vom Erkennungswerkzeug zur Ermittlungsarbeitsstation. Effektive Incident Response mit SIEM umfasst schnelle Beweissicherung, Zeitachsen-Rekonstruktion, Umfangsbestimmung und Eindämmungsmaßnahmen.

IR-Untersuchungs-Workflow

Phase Beschreibung
Triage Alert validieren – ist es ein True Positive? Initiale IOCs sammeln (IP, Username, Hostname, Hash)
Umfang Blast Radius bestimmen: Wie viele Systeme sind betroffen? Wurden Daten exfiltriert? Ist Persistenz etabliert?
Zeitachse Chronologische Ereigniszeitachse aus SIEM-Daten aufbauen: Erstkontakt, Rechteeskalation, Lateral Movement
Eindämmung Systeme identifizieren, die isoliert werden müssen; Konten deaktivieren; Netzwerksperren implementieren
Beweise Rohe Log-Daten aus dem SIEM für forensische Untersuchung und mögliche rechtliche Verfahren exportieren
Behebung Angreiferzugang entfernen, ausgenutzte Schwachstellen patchen, kompromittierte Zugangsdaten zurücksetzen
Lessons Learned Vorfall dokumentieren, Erkennungsregeln aktualisieren, Response-Prozeduren verbessern

SIEM-Tuning und Optimierung

Ein frisch deployetes SIEM erzeugt eine enorme Menge an Alerts – der überwiegende Teil davon sind False Positives. Alert-Fatigue ist die häufigste Ursache für SOC-Burnout und verpasste Erkennungen. Kontinuierliches Tuning ist keine optionale Aufgabe, sondern die fortlaufende Arbeit, die entscheidet, ob ein SIEM echten Wert liefert.

Häufige Quellen für False Positives

Quelle Beispiel
Geplante Tasks Backup-Software löst „Process Injection"-Regel aus
Vulnerability Scanner Interner Nessus-Scan löst „Port-Scan"-Alert aus
Service Accounts Batch-Job erzeugt hunderte Login-Ereignisse
Security Tools Antivirus erzeugt „LSASS-Zugriff"-Alert
Zu niedrige Schwellenwerte Alert feuert bei 3 fehlgeschlagenen Logins – zu sensitiv
Breite Regex-Muster Regel trifft „error" UND „security_error"
Fehlender Kontext Alert ignoriert Tageszeit – feuert um 9 Uhr für normale Aktivität

Tuning-Workflow

Zeitraum Maßnahme
Woche 1 Baseline: Regeln deployen, nicht tunen. Jeden Alert dokumentieren und True/False-Positive-Status erfassen
Woche 2 Kategorisieren: False Positives nach Quelle gruppieren. Muster erkennen – kommen sie von bestimmten Hosts, Usern oder Tools?
Woche 3 Whitelisting: Gezielte Ausnahmen hinzufügen. Niemals eine ganze Regel ausschließen – nur spezifische Quellen innerhalb der Regel
Woche 4 Schwellenwerte: Auf Basis der Baseline-Daten anpassen. True-Positive-Rate nach jeder Anpassung überprüfen
Laufend Monatliches Regel-Review: Jede Regel mit 0 True Positives in 90 Tagen muss untersucht oder entfernt werden

Zielwerte für False-Positive-Raten

Alert-Priorität Ziel-FP-Rate Max. Alert-Volumen / Analyst
Kritisch < 5 % < 5 pro Tag
Hoch < 15 % < 20 pro Tag
Mittel < 30 % < 50 pro Tag
Niedrig < 50 % Wöchentlich geprüft, nicht täglich

SIEM-Architektur und Deployment

Deployment-Modelle

Modell Vorteile
On-Premises Datensouveränität, volle Kontrolle, planbare Kosten
Cloud (SaaS) Keine Infrastruktur, automatische Skalierung, schnelles Deployment
Hybrid Sensible Daten On-Premises, Cloud für Skalierung
MSSP-Managed Kein eigenes SOC-Personal erforderlich, 24/7-Abdeckung

Sizing-Richtlinien

Organisationsgröße Tägliches Log-Volumen Empfohlene Plattform
Klein (< 500 Nutzer) < 10 GB/Tag Wazuh, Graylog, ELK (Free Tier)
Mittel (500–5.000 Nutzer) 10–100 GB/Tag Wazuh + ELK
Groß (5.000–50.000 Nutzer) 100 GB – 1 TB/Tag Splunk Enterprise, QRadar, Sentinel
Enterprise (> 50.000 Nutzer) > 1 TB/Tag Splunk Cloud, Sentinel, QRadar on Cloud

Priorisierung beim Log-Onboarding

Beim Aufbau eines SIEM sollten Log-Quellen in dieser Reihenfolge angebunden werden:

  1. Identität: Active Directory / Azure AD (alle Ereignisse)
  2. Perimeter: Firewall, IDS/IPS, Proxy, E-Mail-Gateway
  3. Endpunkte: EDR/AV-Logs, Windows Security + Sysmon
  4. DNS: Alle DNS-Abfragen von allen Resolvern
  5. Cloud: AWS CloudTrail, Azure Activity Log, GCP Audit
  6. Applikationen: Kritische Apps – ERP, HR, Finanzsysteme
  7. Netzwerkfluss: NetFlow/IPFIX von Core-Switches und Routern

Vorlage:Hinweis

Wazuh – Open-Source-SIEM im Praxiseinsatz

Wazuh ist eine freie, quelloffene Sicherheitsplattform mit SIEM-, XDR- und CSPM-Funktionen. Es ist eine der am weitesten verbreiteten Open-Source-Sicherheitsplattformen und ideal für Umgebungen, die kein kommerzielles SIEM finanzieren können, aber dennoch Enterprise-grade-Erkennung benötigen. Wazuh integriert sich nahtlos mit dem ELK Stack zur Visualisierung.

Wazuh-Architektur

Komponente Rolle
Wazuh Manager Zentralserver – empfängt Ereignisse, wendet Regeln an, erzeugt Alerts
Wazuh Agent Leichtgewichtiger Agent auf überwachten Endpunkten – sendet Ereignisse an den Manager
Wazuh Indexer Elasticsearch-basiertes Storage-Backend für Ereignisse und Alerts
Wazuh Dashboard Kibana-basierte Oberfläche zum Suchen, Visualisieren und Untersuchen
Filebeat Transportiert Agent-Daten vom Manager zum Indexer
Active Response Automatisierte Reaktionsaktionen, die durch spezifische Alerts ausgelöst werden

Installation – All-in-One (Schnellstart)

# Wazuh Quickstart-Installer (installiert Manager + Indexer + Dashboard)
curl -sO https://packages.wazuh.com/4.7/wazuh-install.sh
sudo bash wazuh-install.sh -a

# Nach der Installation – Standard-Zugangsdaten abrufen
sudo tar -O -xvf wazuh-install-files.tar wazuh-install-files/wazuh-passwords.txt

# Dashboard aufrufen: https://YOUR_SERVER_IP
# Standard-Benutzer: admin

Wazuh-Agent auf Linux-Endpunkt deployen

# Wazuh-Repository einrichten
curl -s https://packages.wazuh.com/key/GPG-KEY-WAZUH | sudo apt-key add -
echo "deb https://packages.wazuh.com/4.x/apt/ stable main" \
  | sudo tee /etc/apt/sources.list.d/wazuh.list
sudo apt update && sudo apt install wazuh-agent

# Manager-IP konfigurieren und Agent starten
sudo WAZUH_MANAGER='MANAGER_IP' WAZUH_AGENT_NAME='webserver-01' \
  dpkg-reconfigure wazuh-agent
sudo systemctl start wazuh-agent

Eigene Erkennungsregeln schreiben

Wazuh-Regeln werden in XML definiert und in /var/ossec/etc/rules/local_rules.xml abgelegt:

<!-- Neue Benutzerkonto-Erstellung erkennen -->
<group name="local,useradd,">
  <rule id="100001" level="10">
    <if_group>adduser</if_group>
    <description>Neues Benutzerkonto auf $(hostname) erstellt</description>
    <mitre>
      <id>T1136.001</id>  <!-- Create Account: Local Account -->
    </mitre>
  </rule>
</group>

<!-- SSH-Brute-Force erkennen: 5+ Fehler in 60 Sekunden -->
<rule id="100002" level="12" frequency="5" timeframe="60">
  <if_matched_sid>5710</if_matched_sid>  <!-- SSH auth failure -->
  <description>SSH-Brute-Force-Angriff von $(srcip)</description>
  <group>authentication_failures,pci_dss_11.4,</group>
</rule>

Active Response – Automatische IP-Blockierung

Wazuh kann bei erkannten Angriffen automatisch reagieren, z. B. eine angreifende IP-Adresse für eine definierte Zeit blockieren:

# /var/ossec/etc/ossec.conf – Active Response konfigurieren
# <active-response>
#   <command>firewall-drop</command>
#   <location>local</location>
#   <rules_id>100002</rules_id>
#   <timeout>600</timeout>
# </active-response>

# Wenn Regel 100002 (SSH-Brute-Force) auslöst, blockiert Wazuh
# automatisch die Angreifer-IP für 600 Sekunden via firewall-drop

sudo systemctl restart wazuh-manager

Security Onion – SIEM als Komplettpaket

Security Onion ist eine freie, quelloffene Linux-Distribution für Network Security Monitoring (NSM), Intrusion Detection und Threat Hunting. Sie bündelt Elasticsearch, Kibana, Zeek, Suricata, Wazuh und ein eigenes Case-Management-Tool in einer einzigen deployebaren Plattform.

Komponenten von Security Onion

Komponente Rolle in Security Onion
Zeek (früher Bro) Netzwerkprotokoll-Analysator – erzeugt umfangreiche Connection-, HTTP-, DNS- und SSL-Logs
Suricata IDS/IPS-Engine – signaturbasierte Erkennung, erzeugt Alerts (EVE-JSON-Format)
Elastic Stack Backend-Storage und -Suche für alle Ereignisse und Alerts
Kibana / SO Dashboards Primäre Analyseoberfläche mit vorgefertigten Security-Dashboards
Wazuh Host-basiertes IDS – verarbeitet Endpunkt-Agent-Logs
TheHive Incident-Response-Fallverwaltung
Navigator MITRE ATT&CK-Heatmap der Erkennungsabdeckung
CyberChef Browserbasiertes Datentransformationstool für forensische Analyse

Zeek-Log-Typen

Zeek erzeugt strukturierte Logs für jeden Netzwerkprotokolltyp:

Zeek-Log Felder Anwendungsfall
conn.log src/dst IP, Port, Proto, Bytes, Duration Netzwerk-Baseline, Lateral Movement
dns.log Query, Answers, TTL, Rcode C2-Erkennung, DNS-Tunneling
http.log URI, Method, User-Agent, Status, Referrer Web-Bedrohungserkennung
ssl.log Cert Subject, Issuer, JA3-Hash Verschlüsseltes C2, Zertifikat-Anomalien
files.log Dateiname, MIME-Typ, MD5/SHA1 Malware-Dateiextraktion
x509.log Zertifikatdetails, Gültigkeitsdaten Selbstsignierte Zertifikate erkennen
smtp.log From, To, Betreff, Anhangsnamen E-Mail-Bedrohungserkennung
ssh.log Auth-Erfolg/-Fehler, Cipher, Key Exchange Brute-Force, schwache Krypto

Use Cases und Erkennungsbibliothek

Die folgende Tabelle zeigt typische SIEM-Erkennungsanwendungsfälle, geordnet nach MITRE ATT&CK-Taktik:

MITRE-Taktik Anwendungsfall Benötigte Log-Quelle
Initial Access T1566 Phishing – Office spawnt Shell-Prozess Sysmon / Windows 4688
Initial Access T1190 Web-Exploitation – Web-Shell-Upload Webserver- / WAF-Logs
Execution T1059.001 PowerShell Encoded Command PowerShell / Sysmon 1
Execution T1047 WMI-Prozesserstellung Sysmon 19/20/21
Persistence T1053 Geplante Task-Erstellung Windows 4698
Persistence T1547 Registry Run Key hinzugefügt Sysmon 13
Privilege Escalation T1548 UAC-Bypass via eventvwr Sysmon 1, Windows 4688
Defence Evasion T1055 Process Injection Sysmon 8/10
Credential Access T1003 LSASS-Speicherauslesen Sysmon 10
Credential Access T1110 Password Spray (viele User, wenige Fehler je Account) Windows 4625
Discovery T1046 Netzwerk-Port-Scan von internem Host Firewall / NetFlow
Discovery T1087 AD-User-Enumeration via LDAP AD / LDAP-Audit-Logs
Lateral Movement T1021 RDP von ungewöhnlicher Quelle Windows 4624, Typ 10
Lateral Movement T1075 Pass-the-Hash via NTLM Windows 4624, Typ 3
Collection T1039 Massenhafter Dateizugriff auf Dateiserver Windows 4663 / SMB
C2 T1071 HTTP/S C2-Beaconing Web Proxy / DNS-Logs
C2 T1572 DNS-Tunneling DNS-Query-Logs
Exfiltration T1041 Großer ausgehender Datentransfer Firewall / NetFlow
Impact T1486 Ransomware – Dateiendungsänderung Sysmon 11 / AV-Logs
Impact T1490 Shadow-Copy-Löschung Windows 4688 / Sysmon 1

Wichtige Windows Event IDs für SIEM

Event ID Beschreibung MITRE ATT&CK
4624 Erfolgreiche Anmeldung TA0001 Initial Access
4625 Fehlgeschlagene Anmeldung T1110 Brute Force
4634 Abmeldung Logon-Tracking
4648 Anmeldung mit expliziten Zugangsdaten T1078 Valid Accounts
4672 Sonderrechte bei Anmeldung zugewiesen T1078 Valid Accounts
4688 Neuer Prozess erstellt T1059 Command Execution
4698 Geplanter Task erstellt T1053 Scheduled Task
4720 Benutzerkonto erstellt T1136 Create Account
4728 Mitglied zu Sicherheitsgruppe hinzugefügt T1098 Account Manipulation
4732 Mitglied zu lokaler Gruppe hinzugefügt T1098 Account Manipulation
4776 NTLM-Credential-Validierung T1110 Brute Force / T1075 Pass-the-Hash
4768 Kerberos TGT angefordert T1558 Kerberoasting
4769 Kerberos Service Ticket angefordert T1558 Kerberoasting
7045 Neuer Dienst installiert T1543 Create Service

Sysmon Event IDs für SIEM

Sysmon (System Monitor) ist ein Windows-Systemdienst, der detaillierte Prozess-, Netzwerk- und Dateisystem-Aktivitäten protokolliert und damit die Erkennungsfähigkeit von SIEM-Systemen erheblich erweitert:

Sysmon ID Beschreibung
1 Process Create – CommandLine, ParentImage, Hashes
3 Network Connection – Prozess stellt ausgehende Verbindung her
7 Image Loaded – DLL wird von Prozess geladen (DLL-Injection erkennen)
8 CreateRemoteThread – Thread-Injection-Erkennung
10 ProcessAccess – ein Prozess greift auf einen anderen zu (Mimikatz/LSASS)
11 FileCreate – Datei erstellt oder überschrieben
12/13 Registry-Schlüssel erstellt / Wert gesetzt – Persistenz-Erkennung
15 FileCreateStreamHash – Alternate Data Stream erstellt
17/18 Pipe erstellt / verbunden – Malware-IPC-Erkennung
19/20/21 WMI-Abonnement erstellt – WMI-Persistenz-Erkennung
22 DNS-Query – alle DNS-Lookups mit Prozesskontext
23 File Delete – Datei-Löschung erkennen (Anti-Forensics)
25 Process Tampering – Process Hollowing / Herpaderping

Fazit

Ein SIEM ist ein Kraftmultiplikator – es liefert Wert proportional zur investierten Arbeit in Tuning, Regelentwicklung und Analysten-Training. Die gewählte Plattform ist dabei weniger entscheidend als der Prozess: Ein gut gewartetes Wazuh-Deployment wird eine vernachlässigte kommerzielle SIEM-Installation jederzeit übertreffen.

Für den praktischen Einsatz in Lehrumgebungen eignet sich Wazuh in Kombination mit Security Onion (Zeek + Suricata) als vollständige, kostenlose und praxisnahe SIEM-Plattform, die alle wesentlichen Konzepte demonstrierbar macht.

Weiterführende Links