Informationssicherheits-Managementsysteme (ISMS) Praxis
Version vom 6. September 2026, 13:02 Uhr von Thomas.will (Diskussion | Beiträge)
Informationssicherheits-Managementsysteme (ISMS) Praxis
Werkzeuge
- Der Ablauf nach BSI-Standard 200-2 ist Verwaltungsarbeit: viele Objekte, viele Anforderungen, viele Statusangaben. Genau dafür gibt es Werkzeuge.
- Verinice
- Das bekannteste Werkzeug im deutschsprachigen Raum, von der SerNet GmbH, Open Source und vom BSI lizenziert.
- Unterstützt IT-Grundschutz, ISO/IEC 27001, TISAX, NIS2, Notfallmanagement und Datenschutz.
- Die klassische Einzelplatzversion (Java-Anwendung für Windows, Linux, macOS, dazu der Server verinice.PRO) wird nur noch bis Ende 2026 verkauft und bis Ende 2027 unterstützt.
- Nachfolger ist die neue browserbasierte Generation verinice.veo, wahlweise als Cloud-Dienst oder als Installation im eigenen Rechenzentrum.
- Aufwand: Installation, Datenbank, Einarbeitung. Für eine Kursstunde zu viel.
- Weitere kommerzielle Werkzeuge
- HiScout, SAVe, ibi systems iris und andere GRC-Werkzeuge.
- GRC (Governance, Risk and Compliance): Sammelbegriff für Werkzeuge, die Steuerung, Risiken und Regelkonformität gemeinsam verwalten.
- Unterschiede liegen in Berichtswesen, Mehrbenutzerbetrieb und Preis, nicht in der Methode.
- Tabellenkalkulation
- Funktioniert und ist in kleinen Umgebungen der Normalfall.
- Vorteil: sofort verfügbar, jeder kann es bedienen.
- Nachteil: keine Verknüpfung zwischen Objekten und Bausteinen, keine Versionierung, keine Auswertung über mehrere Ebenen.
- Für einen einzelnen Dienst mit vier Objekten reicht es aus.
- Unser Werkzeug für die Übung
- Wir nehmen keines der obigen Werkzeuge, sondern eine eigene Webseite, die genau den Ablauf abbildet — ohne Installation, ohne Datenbank, ohne Anmeldung.
- Aufruf: https://labs.xinux.net/it-grundschutz.html
- Alle Eingaben bleiben im Browser und sind nach dem Neuladen der Seite wieder weg. Am Ende steht ein CSV-Export.
Das Szenario
- Die kit GmbH betreibt eine kleine Online-Plattform mit 12 Mitarbeitern.
- Zur Plattform gehören vier Objekte:
| Objekt | Typ | Was es ist |
|---|---|---|
| Webserver01 | IT-System | Apache-Webserver mit Testanwendungen, öffentlich erreichbar |
| WAF | IT-System | NGINX mit ModSecurity und OWASP Core Rule Set, TLS-Endpunkt |
| Firewall | IT-System | OPNsense vor der Plattform, Admin-Zugriff nur intern |
| Webshop | Anwendung | die öffentliche Webanwendung für Bestellungen |
- Ziel der Organisation: Verfügbarkeit und Sicherheit der Website sicherstellen.
Die Bedienung der Seite
- Oben stehen fünf Schaltflächen — das sind die fünf Schritte:
- 1 Organisation
- 2 Systeme & Anwendungen
- 3 Bausteine zuordnen
- 4 Maßnahmen bewerten
- 5 Ergebnis
- Man kann jederzeit oben direkt auf einen Schritt klicken oder unten mit "Weiter →" und "← Zurück" blättern.
- "Beispiel laden" füllt alle fünf Schritte mit dem vollständig bearbeiteten Szenario.
- "Zurücksetzen" leert alles wieder.
- Empfehlung für den Ablauf: erst leer durchgehen und selbst ausfüllen, am Ende einmal "Beispiel laden" zum Vergleich.
Schritt 1 — Organisation
- Hier steht, für wen das Sicherheitskonzept gilt. Das ist der Geltungsbereich.
- Auszufüllende Felder:
| Feld | Eintrag im Beispiel |
|---|---|
| Title | kit GmbH |
| Abbreviation | KIT |
| Organization | KIT |
| Tags | Demo, IT-Grundschutz |
| Number of employees | 12 |
| Bearbeiter | eigener Name |
| Scope | Kleine Online-Plattform mit einem Webdienst für Kunden. Ziel ist es, Verfügbarkeit und Sicherheit der Website sicherzustellen. |
- Der Bearbeiter taucht später im Dateinamen der CSV-Datei auf.
- Das Feld "Scope" ist das wichtigste: es grenzt ab, was zum Konzept gehört und was nicht.
- In der Methode nach BSI-Standard 200-2 entspricht dieser Schritt der Festlegung des Informationsverbunds.
Schritt 2 — Systeme und Anwendungen
- Hier wird erfasst, was überhaupt betrieben wird. Das ist die Strukturanalyse.
- Die vier Objekte sind bereits angelegt. Jede Karte hat drei Felder:
- Auswahlfeld für den Typ: IT-System oder Anwendung
- Name
- Beschreibung
- Alle drei Felder sind änderbar. Damit lässt sich statt des Beispiels auch eine eigene Umgebung bewerten.
- Die Unterscheidung IT-System und Anwendung ist keine Formsache: sie entscheidet, welche Bausteine im nächsten Schritt passen.
- IT-System ist die Maschine — Server, Firewall.
- Anwendung ist das, was darauf läuft und einen fachlichen Zweck hat — der Webshop.
Schritt 3 — Bausteine zuordnen
- Hier wird festgelegt, welche Anforderungen für welches Objekt gelten. Das ist die Modellierung.
- Links steht der Katalog mit fünf Bausteinen, rechts für jedes Objekt eine Ablagefläche.
- Bedienung: einen Baustein links mit der Maus anfassen, auf das Objekt rechts ziehen und loslassen. Ein zugeordneter Baustein lässt sich über das "×" wieder entfernen.
- Mehrere Bausteine pro Objekt sind ausdrücklich vorgesehen und der Normalfall.
- Die verfügbaren Bausteine:
| Baustein | Wofür |
|---|---|
| SYS.1.1 Allgemeiner Server | Grundanforderungen an jeden Server: Patchen, Logging, Monitoring |
| SYS.1.3 Server unter Linux und Unix | Linux-Besonderheiten: Rechte, sudo, SSH |
| APP.3.2 Webserver | Apache, NGINX, IIS: TLS, Module, Protokollierung |
| APP.3.1 Webanwendungen | die Anwendung selbst: Eingaben, Sessions, Tests |
| NET.3.2 Firewall | Regelwerk, Administration, Protokollierung der Firewall |
- Die Zuordnung im Beispiel:
| Objekt | Bausteine |
|---|---|
| Webserver01 | SYS.1.1, SYS.1.3, APP.3.2 |
| WAF | SYS.1.1, SYS.1.3, APP.3.2 |
| Firewall | NET.3.2 |
| Webshop | APP.3.1 |
- Begründung der Zuordnung:
- Webserver01 ist ein Server (SYS.1.1), er läuft unter Linux (SYS.1.3) und er ist ein Webserver (APP.3.2) — drei Bausteine, weil drei Eigenschaften zutreffen.
- Die WAF bekommt dieselben drei: sie ist ebenfalls ein Linux-Server mit einem Webserver-Dienst, auch wenn sie keine eigenen Inhalte ausliefert.
- Die Firewall ist eine Appliance und bekommt nur NET.3.2.
- Der Webshop ist kein Server, sondern eine Anwendung — nur APP.3.1.
- Das ist der eigentliche Kern des IT-Grundschutzes: die Frage "was müssen wir hier tun" ist mit der Zuordnung beantwortet, ohne dass jemand selbst eine Risikoanalyse rechnen musste.
Schritt 4 — Maßnahmen bewerten
- Hier wird für jede einzelne Anforderung festgehalten, ob sie umgesetzt ist. Das ist der IT-Grundschutz-Check, ein Soll-Ist-Vergleich.
- Die Seite listet jedes Objekt mit seinen Bausteinen und je Baustein die Maßnahmen auf.
- Jede Maßnahme hat eine Stufe:
- BASIC — Basis-Anforderung, muss in jedem Fall umgesetzt sein.
- STANDARD — Standard-Anforderung, Regelfall bei normalem Schutzbedarf.
- Je Maßnahme wird eine Ampel gesetzt:
- erfüllt
- teilweise
- nicht erfüllt
- unbewertet (der Ausgangszustand)
- Darunter steht ein Notizfeld für die Begründung. Das Feld ist der wichtigste Teil der Übung: eine Ampel ohne Begründung ist im Audit wertlos.
- Beispiele für brauchbare Notizen aus dem Beispieldatensatz:
- "nftables konfiguriert: nur Ports 22, 80, 443 offen."
- "Nur SSH mit Schlüssel-Authentisierung, Root-Login deaktiviert."
- "Ausgabe-Escaping vorhanden, Content-Security-Policy noch nicht konfiguriert."
- Die Maßnahmen je Baustein:
| Baustein | Maßnahmen |
|---|---|
| SYS.1.1 | Geeignete Aufstellung; Benutzerauthentisierung an Servern; Deaktivierung nicht benötigter Dienste; Einsatz von Virenschutz-Programmen; Protokollierung; Einrichtung lokaler Paketfilter |
| SYS.1.3 | Sorgfältige Vergabe von IDs; kein automatisches Einbinden von Wechselaufwerken; Verwaltung von Benutzern und Gruppen; verschlüsselter Zugriff über Secure Shell |
| APP.3.2 | Absicherung der Webserver-Software; Konfiguration der Protokolle; Trennung von Webinhalten und Betriebssystem; Protokollierung von Webserver-Ereignissen; Minimierung von Modulen und Erweiterungen; Schutz vor bekannten Schwachstellen |
| APP.3.1 | Eingabevalidierung; Session-Management; Schutz vor Cross-Site-Scripting; Absicherung der Zahlungsabwicklung; regelmäßige Sicherheitstests |
| NET.3.2 | Regelbasierte Filterung; geregelte Administration; Protokollierung; Patchmanagement; regelmäßige Konfigurationsprüfung |
- Hier wird sichtbar, dass die Anforderungen nichts Fremdes sind: das ist die Liste dessen, was wir im Kurs ohnehin konfiguriert haben — nur mit einer Kennung davor.
- Die Schutzbedarfsfeststellung ist in der Übung nicht enthalten. Wir arbeiten durchgehend mit normalem Schutzbedarf, damit die Basis- und Standard-Anforderungen ausreichen.
Schritt 5 — Ergebnis
- Für jedes Objekt erscheint eine Karte mit einer Gesamtampel und der Zählung der Bewertungen.
- Die Gesamtampel eines Objekts ergibt sich so:
- kritisch, sobald eine einzige Maßnahme auf "nicht erfüllt" steht
- teilweise, wenn es "teilweise" oder noch unbewertete Maßnahmen gibt
- erfüllt, wenn alle Maßnahmen erfüllt sind
- Ein einziger roter Punkt reißt also das ganze Objekt auf Rot. Das ist beabsichtigt und entspricht der Praxis.
- Darunter steht die Tabelle der offenen Punkte.
- Über "CSV exportieren" wird die Datei heruntergeladen.
- Dateiname: grundschutz_<Bearbeiter>_<Datum>.csv
- Spalten: Organisation; Objekt; Baustein; Massnahme; Level; Status; Notiz
- Trennzeichen ist das Semikolon, die Datei lässt sich direkt in einer Tabellenkalkulation öffnen.
Die offenen Punkte im Beispiel
- Im vorbereiteten Beispiel bleiben genau diese Punkte offen:
| Objekt | Maßnahme | Status | Grund |
|---|---|---|---|
| Firewall | Regelmäßige Konfigurationsprüfung | nicht erfüllt | Review der Firewall-Regeln ist nicht terminiert |
| Webshop | Regelmäßige Sicherheitstests | nicht erfüllt | letzter Penetrationstest liegt über 18 Monate zurück |
| Firewall | Protokollierung | teilweise | Logs werden gesammelt, aber nicht ausgewertet |
| WAF | Schutz vor bekannten Schwachstellen | teilweise | OWASP Core Rule Set wird unregelmäßig aktualisiert |
| Webshop | Schutz vor Cross-Site-Scripting | teilweise | keine Content-Security-Policy konfiguriert |
| Webserver01 | Einsatz von Virenschutz-Programmen | teilweise | ClamAV vorhanden, ergänzt durch IDS auf Netzebene |
- Keiner dieser Punkte ist exotisch. Es sind die Dinge, die im Tagesgeschäft liegen bleiben, weil sie niemandem zugeteilt sind.
Was mit der CSV-Datei passiert
- Die Datei ist keine Ablage, sondern eine Aufgabenliste.
- Aus der Bewertung wird ein Realisierungsplan, indem drei Spalten ergänzt werden:
- Verantwortlicher
- Termin
- Aufwand
- Erst damit ist die Arbeit fertig. Eine Bewertung ohne Namen und Datum verändert nichts.
- Wem man das Ergebnis vorlegt
- Der eigenen Geschäftsleitung: die Liste der roten Punkte ist die Begründung für Budget.
- Dem BSI: als Nachweis nach § 39 BSIG, sofern man Betreiber einer kritischen Anlage ist.
- Dem Auditor: als Grundlage der Zertifizierung.
- Kunden und Ausschreibungsstellen: als Antwort auf Lieferantenfragebögen.
- Der Versicherung: Cyber-Policen fragen den Umsetzungsstand ab, im Schadensfall wird geprüft, ob die Angaben zutrafen.
- Sich selbst nach einem Vorfall: eine dokumentierte, terminierte Schwachstelle ist etwas anderes als eine übersehene.
Aufgabe für die Teilnehmer
- Wir setzen die Seite zurück und legen eine eigene Organisation an.
- Wir ersetzen in Schritt 2 die Objekte durch die Systeme aus unserer eigenen Kursumgebung.
- Wir ordnen die passenden Bausteine zu und begründen die Zuordnung.
- Wir bewerten die Maßnahmen ehrlich — mit dem, was wir im Kurs tatsächlich konfiguriert haben.
- Wir exportieren die CSV-Datei und benennen zu jedem roten und gelben Punkt einen Verantwortlichen und einen Termin.